Die Blaue Mauritius

Alles, was man sonst nicht zu sehen bekommt.
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Beitragvon plantsman » Sa Mär 11, 2017 14:02

Moin,

wenn man sich das Foto von Nesocodon mauritianus, einer endemischen Glockenblume der Insel Mauritius,
ansieht, wird man zuerst nichts besonderes daran finden. Sie hat zwar ein sehr schönes Blau und die Adern
auf der Krone sehen sehr apart aus, aber sonst........ eine Glockenblume eben.
Kamera: Canon EOS 750D
Objektiv: EF100mm f/2.8 Macro USM @ 100mm
Belichtungszeit: 1/13s
Blende: f/5
ISO: 100
Beleuchtung: Tageslicht
Aufnahmedateiformat (RAW/JPG): RAW
Beschnittsbetrag in % (Breite u. Hoehe): 0
Stativ: Manfrotto
---------
Aufnahmedatum: 03.03.2017
Region/Ort:
vorgefundener Lebensraum:
Artenname:
kNB
sonstiges:
Nesocodon mauritianus 6170-1; Campanulaceae (2).jpg (428.82 KiB) 336 mal betrachtet
Nesocodon mauritianus 6170-1; Campanulaceae (2).jpg


Wenn man dann in die Blüte reinsieht, entdeckt man das botanisch wirklich besondere: blutroter Nektar! Im
gesamten (!) Pflanzenreich gibt es, so viel ich weiß, nur drei (!) Pflanzen, die roten Nektar produzieren.

Kamera: Canon EOS 750D
Objektiv: EF100mm f/2.8 Macro USM @ 100mm
Belichtungszeit: 1/6s
Blende: f/7.1
ISO: 100
Beleuchtung:
Aufnahmedateiformat (RAW/JPG):
Beschnittsbetrag in % (Breite u. Hoehe):
Stativ:
---------
Aufnahmedatum: 03.03.2017
Region/Ort:
vorgefundener Lebensraum:
Artenname:
kNB
sonstiges:
Nesocodon mauritianus 6170-1; Campanulaceae (1).jpg (459.08 KiB) 336 mal betrachtet
Nesocodon mauritianus 6170-1; Campanulaceae (1).jpg


Man hat lange gerätselt, wer sie bestäubt. Anfangs dachte man an Vögel. Diese können rot ja besonders
gut sehen. Nur wird der Nektar nicht sofort gesehen, weil die Blüte ja glockig hängt. Er kann seine Signalwir-
kung als nur schlecht entfalten.
Ein Problem bei der Klärung dieser Frage war, dass diese Art nur an einer einzigen, knapp 150 m hohen Fels-
wand von Mauritius in weniger als 20 Exemplaren wächst. Dazu noch in der Nähe eines Wasserfalls. Das be-
deutet, der Lebensraum ist steil und glitschig. Man braucht also eine gute Sicherung und darf bestimmt keine
Höhenangst haben. Schlussendlich wurde die Frage dann doch geklärt. Es sind Eidechsen. Sie schaffen es von
unten die Felswand hochzuklettern und können so den Nektar gut sehen.

In den Kulturen der botanischen Gärten ist diese Glockenblume nun schon sehr gut etabliert und die Felswand
steht unter strengem Schutz. Die Art für sich dürfte damit einigermassen sicher sein. Aber der Naturstandort
ist so speziell, dass schon eine kleinere Änderung der Ökologie vor Ort das Aussterben der Art verursachen könnte.
Tschüssing
Stefan
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Beitragvon Sven A. » Sa Mär 11, 2017 14:52

Moin Stefan,
deine Dokus sind immer sehr informativ und interessant :-)
Eine Bereicherung für dieses Forum!

Natürlich kannte ich diese Glockenblume nicht und vom roten Nektar habe ich nie etwas gehört.
Prima dokumentiert. Jetzt hätte ich noch gerne ein Bild mit Bestäuber :DD
Ich nehme dann mal an, dass die Eidechsen züngelnd an den roten Nektar kommen.
Erstaunlich!

Viele Grüße
Sven
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Beitragvon fossilhunter » Sa Mär 11, 2017 15:48

Hi Stefan,

du zeigst ja da wirklich ein seltenes Glockenbümchen ! Ist schon wirklich erstaunlich, was die Natur so alles hervorbringt !

Gut fotografiert und (wie immer) sehr informativer Text ! ich dank dir dafür - ich lese deine Beiträge immer wieder gerne !

lg

Karl
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Beitragvon plantsman » Sa Mär 11, 2017 16:15

Moin,

ich hab nochmal genau nachgesehen und muss mich etwas berichtigen.

Alle Pflanzen mit farbigem Nektar, davon nur zwei mit rotem, kommen auf Mauritius vor. Es sind zwei Malven-
gewächse und eben die gezeigte Glockenblume. Von dieser gibt es drei Population. Alle sind aber sehr klein.
Es wurden bisher nur Vögel als Blütenbesucher festgestellt, die aber den Nektar nur rauben, die Blüten also
so anpicken, dass sie nicht als Bestäuber fungieren können. Die beiden anderen Pflanzen mit farbigem Nektar
werden dagegen fast ausschliesslich von Taggeckos besucht. In Versuchen hat sich gezeigt, dass sie in
künstlichen Blüten gefärbten Nektarersatz deutlich bevorzugen. Daraus und das die besagten Geckos an den
von Nesocodon besiedelten Felswänden reichlich vorkommen, schliesst man, dass sie die wahrscheinlicheren
Bestäuber sind.

Wenn ihr im Netz als Suchbegriff "Nesocodon pollinator" eingebt, könnt ihr euch die dazugehörigen wissenschaft-
lichen Arbeiten ansehen.
Zuletzt geändert von plantsman am Sa Mär 11, 2017 16:16, insgesamt 1-mal geändert.
Tschüssing
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Beitragvon Otto K. » Sa Mär 11, 2017 17:19

Hallo Stefan,

eine sehr schöne Doku dieser seltenen Glockenblumenart und dazu einige sehr interesante Informationen.
Danke für's zeigen und für die Erklärungen.
Viele Grüße

Otto
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Beitragvon Gabi Buschmann » So Mär 12, 2017 13:42

Hallo, Stefan,

das ist ja eine ganz spannende Geschichte, die du hier erzählst
und mit deinen Bildern dokumentierst. Eine von Eidechsen bestäubte
Glockenblume mit rotem Nektar - was es alles gibt, ist schon
sensationell. Danke für diese tolle Doku!
Liebe Grüße Gabi

______________
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Beitragvon Corela » So Mär 12, 2017 16:07

Hallo Stefan,

unglaublich, was es alles gibt.
Hätte ich bei jedem Ratespiel daneben getippt.
Danke für diese ausführliche Doku und die Bilder.
lG
Conny

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Beitragvon Ajott » Mi Mär 15, 2017 10:04

Hi Stefan,

ach, das ist ja interessant. Weiß man, was den Nektar rot anfärbt?
Wie macht ihr das in den botanischen Gärten mit dem Bestäuben? Dann alles manuell händisch? Oder können das auch andere Tiere übernehmen.
Ansonsten schließe ich mich Sven gerne an - deine Dokus sind sehr bereichernd. Mich fesselst du jedes Mal!

liebe Grüße
Aj
: ǝʌıʇʞǝdsɹǝd uǝɹǝpuɐ ɹǝuıǝ snɐ ןɐɯ ǝzuɐƃ sɐp ɹıʍ uǝʇɥɔɐɹʇǝq :
"Der Wunder höchstes ist, daß uns die wahren, echten Wunder so alltäglich werden können." (Lessing)

Von vielen kleinen Wundern berichten die Arten- und die Dokugalerien
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Beitragvon plantsman » Mi Mär 15, 2017 18:34

Moin,

Ajott hat geschrieben:Quelltext des Beitrags Wie macht ihr das in den botanischen Gärten mit dem Bestäuben? Dann alles manuell händisch?

um keine ungewollten Kinder zu bekommen, ferkeln wir kontrolliert herum. Da wird nur gleiches mit gleichem bestäubt. Nesocodon wäre zwar nie in Gefahr zu hybridisieren, aber unser Taggecko ist ein echter Rabauke und dem stell ich diese Kostbarkeit nicht ins Terrarium........ abgesehen davon, wäre es auch kein idealer Ort für die "Blaue Mauritius". Zu warm, zu wenig Luftaustausch, zu trocken und zu dunkel (Kunstlicht).
Tschüssing
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Beitragvon Werner Buschmann » Sa Mär 18, 2017 00:05

Hallo Stefan,

bin immer wieder richtig ehrfürchtig,
wenn ich neues über die Artenvielfalt und deren Gefährung erfahre.
Du erzählst eine spannende Geschichte, eine hochriskante Geschichte.
Das Leben ist immer hochriskant.
Ein schöner Beruf, wenn man da unterstützend und begleitend
eingreifen darf.
Ein Dank an alle aktiven Besprecher im Forum und eine ernsthafte Erinnerung
an diejenigen, die schon etwas länger die Bildbesprechungen aufschieben.


________________
Liebe Grüße Werner

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