Rätselhafte Pechlibelle

Autor und Fotograf: Thorsten

Nicht für alles, was man in der Natur entdecken und beobachten kann, erschließt sich gleich der Sinn und Zweck. Bestimmte Verhaltensweisen oder Strukturen erscheinen im ersten Moment rätselhaft. Doch meist lässt sich eine Antwort auf die Frage finden: "Was ist das und wozu ist es gut?" Hier wollen wir versuchen Licht ins Dunkel bringen.

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Rätselhafte Pechlibelle

Beitragvon Artengalerie » 18. Jul 2017, 22:17

Userbeitrag von Thorsten:

"Das Bild zeigt ein Männchen der (des?) Citrine Forktail (Ischnura hastata), die - wie alle Libellen mit Vorkommen in Europa - auch einen deutschen Namen bekommen hat: "Rästelhafte Pechlibelle".

Es ist allerdings eine amerikanische Art, die von der USA bis nach Südamerika recht weit verbreitet und nicht selten ist. Wie die auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz vorkommenden Pechlibellen (Große und Kleine) gehört sie zur Gattung Ischnura und damit zu den Schlanklibellen (Coenagrionidae).

In Amerika fliegt sie in warmen Gegenden das ganze Jahr über, im Norden nur in den Sommermonaten (logischerweise...). Sie ist sehr klein! Mit einer Körpergesamtlänge von 20-27 mm und bei einer Flügellänge von 11-15 mm ist sie deutlich kleiner als die hierzulande vorkommende Kleine Pechlibelle (Ischnura pumilio), eher so wie die Zwerglibelle (Nehalennia speciosa).

Die Männchen sind leicht an dem zitronengelben Abdomen zu erkennen, bei denen insbes. die letzten drei Segmente keine schwarze Zeichnung tragen. Einzigartig unter allen Libellen der Erde ist das Flügelmal (Pterostigma) der Männchen in den Vorderflügel nicht am Flügelrand sondern von anderen durchsichtigen Zellen eingeschlossen innerhalb des Flügels gelegen. [Der hier leider schlecht zu erkennende rote Fleck] Am Hinterflügel sind die schwarzen Flügelmale dagegen "normal".

Warum aber der deutsche Name "Rätselhafte Pechlibelle"?
Nun... der bezieht sich vermutlich darauf, dass diese winzige Libellenart bisher ein paar "Rästel" aufgibt.

Sie hat es möglicherweise (trotz ihres filigranen Baus) als einzige Libellenart evtl. aus eigenem Antrieb vollbringen können, den Atlantik zumindest +/- halb zu überqueren und sich dann als bodenständig zu etablieren. Seit mind. Ende des 19. Jahrunderts kommt sie auf nahezu allen Azoreninseln vor und ist dort sogar häufig. Wie lange sie schon da ist und wie sie dort hin gelangten, weiß keiner, aber erst 1990 erkannte man ihre eigentliche Identität als "Amerikaner". Es gibt andere amerikanische Libellenarten, die ebenfalls zumindest gelegentlich den Weg über den "Teich" gefunden haben - wie auch immer (? Sturm, Schiff ?), aber zumeist deutlich robuster gebaut sind, wie z.B. der Blue Dasher, von dem man am 6.9.99 ein totes Weibchen auf einer Ölplattform nahe den Shetlands fand.

Dennoch ist es auf den Azoren unmöglich ein Bild wie das zu sehende zu machen!

Warum...? Es gibt ausschließlich Weibchen von Ischnura hastata auf den Azoren - keine Männchen! Die Azoren-Populationen dieser Libellenart vermehren sich einzigartig unter allen Libellen der Erde rein parthenogenetisch ("Jungfernzeugung"), d.h. die Weibchen dort legen unbefruchtet Eier, aus denen natürlich nur wieder Weibchen schlüpfen können. Parthenogenese ist im Tierreich nicht selten, bei Libellen war es bis zur Entdeckung dieser Azoren-Populationen allerdings unbekannt - und man kennt auch heute keine anderen Beispiele. In Amerika reproduzieren sie sich "normal" durch geschlechtliche Fortpflanzung. Versuche, die Azoren-Weibchen mit amerikanischen Männchen zu verpaaren, scheiterten - anscheinend geht das nicht mehr... "


Beitragsersteller: Jürgen Fischer (AGEID723)
Fotograf:
Thorsten (AGFID372)
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Zuletzt geändert von Jürgen Fischer am 4. Okt 2017, 22:00, insgesamt 4-mal geändert.

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